„Glaub mir, die Leute haben früher
schon gewußt, was schön ist. Rasentennis, das ist das Nonplusultra
- wie wenn du mit einem Ferrari fährst.“ Dann laß'
uns die ,12 Zylinder einmal kräftig durchputzen, denke ich mir
insgeheim, noch deprimiert vom gestrigen stundenlangen Sandplatzgerangel.
Doch Gottfried Stadlhuber, Besitzer der einzigen öffentlichen Rasenplätze
in Österreich, geht es ruhig an. er nimmt sich Zeit für seinen
Besuch. „Wir sind hier mitten im Sauerstoffzelt“, grinst
er und zieht dabei seine rotweißrote Trainingsjacke mit der Aufschrift
„Team Austria“ aus. Er hat recht. Die zwei Rasenplätze
liegen beinahe kitschig am Fuße des Kirchbergs, nur wenige Meter
von der Baseline entfernt plätschert die Krems still vor sich hin.
Die Sonne blinzelt hin und wieder durch die Wolkendecke, Vogelgezirpe
von den unzähligen Bäumen rundum untermalt das malerische
Ambiente.
„Ein Tennislehrer, der noch nie auf Rasen gespielt hat, ist wie
ein Skilehrer ohne Slalomerfahrung.“
Die Ignoranz mancher gegenüber dem Rasen ärgert den Anlagenbesitzer.
„Vor 20 Jahren habe ich ihn angebaut.
Jeder hat gesagt: Das geht in Österreich nicht.“
Gottfried Stadlhuber meint den Rasen; den er seitdem täglich hegt
und pflegt, sprich auf ,,4,3mm stutzen, vertikutieren und linieren."
Mein Einwand, daß das Grün in Wimbledon doch 7mm lang ist,
kostet ihm nur ein beiläufiges Grinsen. Schnell wird klar, daß
sich in der urigen Gestalt Kompetenz und Leidenschaft vereinen. „Den
Rasensamen krieg ich „direkt aus Wimbledon“, fährt
er fort, „über Beziehungen von einem Greenkeeper.“
An Tennis denke ich in diesem Augenblick schon nicht mehr. Stadlhuber
sowieso nicht - der Pionier des österreichischen Rasentennis ist
in Fahrt. Aus Schulterhöhe läßt er die Filzkugel auf
den Rasen plumpsen, ploop, der Ball springt nicht einmal bis zur Mitte
seines Schienbeins hoch. "Eine Eigenschaft des Rasens ist, daß
die Bälle nicht so hoch springen. Auf Sand würde er beckenhoch
zurückfedern." Volley demonstriert er die zweite Eigenheit
des Spiels auf Rasen. Tief gebückt gibt er dem am Rasen liegenden
Ball mit zwei Fingern jeden nur denkbaren Drall. "Die Grashalme
nehmen jeden Schnitt an. Oft wird gesagt, der Ball verspringt sich -
das stimmt nicht." Es sollte nicht das letzte Vorurteil bleiben,
mit dem der mehrfache Senioren-Landesmeister an diesem Sonntagnachmittag
aufräumt.
Wimbledon II
Etliche Profis haben sich schon am satten Grün im Kremstal den
letzten Schliff für Wimbledon geholt: „Schett war öfters
da: auch Paulus. Wiesner. Magnus Gustafsson. Bammer erst letztes Monat."
An einem Spieler bleibt Stadlhuber hängen: "Christian Saceanu
hat 1992 zehn Tage hier trainiert, sich alles selbst bezahlt. In Wimbledon
ist er dann Agassi, der in diesem Jahr gewann, in der Runde der letzten
16 knapp unterlegen, zwei Mal im Tiebreak - er war praktisch ebenbürtig."
Eine Art Startschuß, daß auch wir zum Racket greifen. Aber
keine Spur von V12 oder Ferrari. Wir plazieren uns knapp zwei Meter
vom Netz entfernt. Beim ersten Ballkontakt erschrecke ich regelrecht,
ich hätte den Treffpunkt mindestens 20cm höher erwartet. Der
Absprung erinnert mich an Softball-Tennis. "Kleine Schritte, vorn
warten mit dem Schläger." Der Tonfall in der Stimme des Hoteliers
hat vom Geschichtenerzähler zum Tennislehrer umgeschlagen. „Viele
Leute beginnen gleich von hinten zu spielen, winken nach einem Ball
ab und lästern: Der Ball springt nicht. Aber man muß sich
an die Bedingungen gewöhnen, sich darauf einstellen. langsam..."
Es dämpft, man schwebt...
Schön langsam begreife ich. wo die Leidenschaft dieses Mannes entspringt:
Man schwebt förmlich auf diesem Untergrund, der
Boden dämpft die Bewegungen sanft ab. verleiht ihnen etwas Rundes
- auch das Spiel profitiert davon, es geht einem irgendwie leichter
von der Hand. „Es gibt nichts Vergleichbares. In der Natur sein,
das Weiche unter den Füßen, das natürliche Grün,
mit einem Ball auf Rasen spielen - etwas ganz Besonderes"', scheint
der Routinier meine Gedanken zu lesen. "Weißt Du. die Leute
haben durch Wimbledon ein falsches Bild vom Rasentennis". erzählt
er weiter. "die spielen Aufschlag/Volley mit 240km/h", bumm
bumm, du siehst keinen Ballwechsel. Jeder glaubt, das ist Rasentennis.
Der Gusto, es selbst einmal zu versuchen, wird leider nicht vermittelt."
Von bumm bumm ist bei uns keine Rede. Genüßlich spielen wir
uns die Kugel direkt auf die Pfanne, dabei hat man sogar mehr Zeit für
den Schlag als auf Sand. Hin und wieder geht mit einem der Spielwitz
durch, und es wird einem Slice, der auf Rasen zur Waffe mutiert, nachgegangen.
Das Spiel des heimischen Rasen-Pioniers ist wie geschaffen für
diesen Untergrund. Auch die Vorhand für diesen Untergrund spielt
er leicht unterschnitten, um danach mit einem „Mmmmh" ans
Netz aufzurücken. „Einifoan", sagt er sich oft selbst
vor. Als Ihrem Redakteur ein feiner Dropshot auskommt, retourniert er
verbal: „Schweinsauge.“ Wer frequentiert eigentlich die
Rasenplätze? "Die Leute kommen von überall her: aus Wien,
aus München. Vom 7km entfernten Verein in Kematen hat aber noch
keiner gespielt." Die Angst vor dem angeblich schnellen Belag Rasen
ist möglicherweise zu groß. Zu unrecht. Wenn man nicht schnörkelloses,
aggressives Tennis und tiefe Slices spielt, ist der Untergrund keinesfalls
schnell. Stadlhuber verlegt sogar Anfängerstunden auf Rasen: „Weil
man gezwungen ist, technisch richtig vor dem Körper zu schlagen.
Die Grundtechniken werden auf Rasen perfekt vermittelt, auch Hobbyspieler
entwickeln darauf ihr Spiel weiter." Als ich zum Abschluß
einen eigentlich unspielbaren, tiefen Rückhand-Volley übers
Netz schlenze, höre ich den Beifall von den weitläufigen Tribünen
des Centre Courts auf mich herunterprasseln. Oh, oh - es ist wohl an
der Zeit aufzuhören.
Das Spiel auf Rasen
Absprung:
Im Vergleich zum Sandplatz springt der Ball auf Rasen sehr viel niedriger
ab. Beim gemütlichen Spiel von der Grundlinie hat man dadurch mehr
Zeit, sich zum Ball zu stellen und in Ruhe zu schlagen. Ein gut gespielter
Stop bleibt last liegen.
Drall:
Der Ball nimmt auf Rasen wirklich jeden Schnitt an. Aufschlag und Slice
mutieren zu regelrechten Waffen, die auf der grünen Spielfläche
nur so wegflutschen. Damit stellt der Unterschnitt eine perfekte Möglichkeit
dar, Spiel und Gegner zu beschleunigen.
Schnelligkeit:
Das Gerücht, daß Rasen der schnellste Belag sei, stimmt nur
zum Teil. Spielt man solides Grundlinientennis, kommt man zu längeren
Ballwechseln als auf Sand. Forciert man das Tempo mit aggressivem, flachem
Tennis oder tiefen Slice-Bällen, entpuppt sich der Belag als schnell.
Fazit:
Rasentennis ist etwas für Spieler jeder Spielstärke. Wirklich
jeder kann auf Rasen sein Spiel um einige Facetten erweitern oder einfach
nur das spezielle Flair inhalieren. Das Ambiente in Kremsmünster
lädt dazu ein, sich für einen Moment am heiligen Rasen zu
wähnen.